Zur Geschichte Waldensbergs und der Waldenser

Ein Spaziergang durch die Geschichte
Im Folgenden lade ich Sie ein, liebe Leserin und lieber Leser, mit mir gewissermaßen einen geschichtlichen Spaziergang zu unternehmen. In dessen Verlauf wollen wir den Weg nachgehen, den die Waldensberger Vorfahren gegangen sind. Wir werden von Lyon aus in Südfrankreich starten, werden miterleben, wie die Bewegung sich von dort ausbreitet, insbesondere in die Alpentäler im Gebiet der heutigen Grenze zwischen Frankreich und Italien. Wir werden manche Höhen und Tiefen der Geschichte der Waldenser-Christen kennenlernen. Wir werden mitverfolgen, unter welchen Umständen sie ihre Heimat verlassen, zurückzukehren versuchen, wieder fliehen und sich nach einem neuen Zuhause umtun, bis sich eine kleine Gruppe schließlich hier auf der Spielberger Platte nieder lässt. Wir werden die Waldensberger Vorfahren hier oben begleiten durch drei Jahrhunderte, bis wir endlich in die Gegenwart gelangen. Auf den Stationen bei unserem Gang durch diese Geschichte wollen wir nicht zu lang verweilen.

LUX LUCET IN TENEBRIS – das Motto
So lang und so verschieden der Weg durch die Geschichte ist, so unterschiedlich die Menschen selber sind, die die Geschichte am eigenen Leben erfahren und mitgestalten, so Unterschiedliches ihnen und uns widerfährt – da ist eine Gemeinsamkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Zeiten hindurch zieht und immer wieder feststellen lässt: es ist die waldensische Gewissheit und Überzeugung, die im bibelbezogenen Leitwort der Waldenser sich kund tut: LUX LUCET IN TENEBRIS, zu deutsch:
DAS LICHT LEUCHTET IN DER FINSTERNIS.
In Leid und Freude finden darin Waldenser ihren Halt und ihre Zuversicht: In Jesus Christus steht Gott jedem Menschen zu jeder Zeit bei und will zum Frieden führen. In unserem oft so unruhigen und ungewissen Leben, dass auch durch manche Dunkelheit führt, leuchtet das Licht von Jesus auf und weist uns den Weg, der zum Ziel führt: zu Gott. Nach diesen Vorbemerkungen können wir mit unserem Gang durch die Geschichte beginnen.

Die Situation im 12. Jahrhundert
Unser Ausgangspunkt ist Lyon im 12. Jahrhundert, damals schon eine wichtige Handelsstadt, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Wege, die von Westen nach Osten und von Norden nach Süden führen. Der Handel vom Norden in den Süden Frankreichs und umgekehrt, ebenso die Geschäftsbeziehungen zwischen Frankreich und Italien laufen über diese Stadt. Lyon ist auch für die römisch-katholische Kirche ein wichtiges Zentrum. Die Stadt ist Bischofssitz, und der Bischof regelt von da aus die Angelegenheiten der mächtigen Papstkirche. Wie die Adligen und die vermögenden Geschäftsleute gehört der Klerus, die Priesterschaft, zu der kleinen Gruppe von Einflussreichen, die die Geschicke der Stadt und ihrer Menschen lenken. Die breite Masse verdient ihren Lebensunterhalt als Arbeiter in den Handwerksbetrieben, an den Höfen und in der Landwirtschaft. Der Abstand zwischen ihnen und den sie beherrschenden Mächtigen ist unüberbrückbar groß. Das äußert sich z. B. darin. daß die Messen der Kirche nicht in der Landessprache, sondern in Latein verlesen werden. Noch klarer tritt der Unterschied in den Vermögensverhältnissen zutage. Aber in manchen Städten sowie auch in der Landbevölkerung sämtlicher europäischer Reiche jener Zeit regt sich der Unmut und Widerstand. Der Luxus und die Machtfülle besonders von Klerus und Adel, dazu noch ein entsprechend ausschweifender Lebensstil – das alles ist den einfachen Menschen nicht mehr nur „ein Dorn im Auge“, sondern bald schon „ein Stachel im Fleisch“, gegen den sie sich zur Wehr setzen wollen.

Waldes
In dieser Umgebung wächst Waldes auf, von dem wir allzu viel Sicheres leider nicht wissen; und zwar vermutlich als Sohn und Erbe eines vermögenden Tuchhändlers oder Großpächters. Er wird ein einflussreicher Geschäftsmann, verheiratet sich und bekommt zwei Töchter. Die Tradition erzählt, Waldes habe die Legende von dem altkirchlichen Heiligen Alexius kennengelernt, der sein Vermögen aufgab und zum einfachen Prediger des Evangeliums wurde. Nachdem er dies gehört hat, habe Waldes den Entschluss gefasst, wie die Jünger Jesu als besitzloser Wanderprediger den Leuten das Evangelium zu verkünden. Für viel Geld lässt er sich die lateinische Bibel in die Landessprache Übersetzen, versorgt seine Familie und veräußert den Rest seines Vermögens an Arme. Durch eifriges Studium der Heiligen Schrift macht er sich so kundig, daß er den Menschen, die ihm zuhören, die Schrift auszulegen weiß. Seine Predigt findet viel Interesse; denn die lateinischen Predigten hatte bislang niemand verstanden.

Die ersten Anhänger
Bald schon scharen sich Anhänger um Waldes, der mit seiner Predigt und durch sein Auftreten – anders als die begüterten Priester – die einfachen Menschen der breiten Masse überzeugt. Leben wie die ersten Jünger, das ist das Ziel. So wächst die Zahl der „Armen Christi“, wie sie sich nannten, rasch an. Der Ruf zur Umkehr zu Gott und zum einfachen Leben der ersten Jünger von Waldes bleibt nicht ungehört. Denn einig sind sich die meisten einfachen Leute darin, daß die reiche und herrschaftlich auftretende Papstkirche schon längst nicht mehr glaubwürdig ist. Die katholische Kirche reagiert bald auf die Bewegung der Armen. Insbesondere deren Wanderprediger – von manchen spöttelnd „Sandalenträger“ genannt – betrachtet sie als Gefahr für die Institution Kirche. Waldes und seine Anhänger erhalten Predigtverbot. Waldes wendet sich an Rom, doch auch der Papst verweigert ihm die Erlaubnis, zu predigen (auf dem sog. Dritten Laterankonzil 1179). Dennoch hält die Waldenser-Bewegung an ihrer Berufung fest; denn das Wort Gottes zählt mehr, es hat absolute Gültigkeit im Vergleich zu kirchlichen Entscheidungen, die nur Menschenworte sind (vergleiche Apostelgeschichte 5,29: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“). Später belegt die katholische Kirche Waldes und seine Gefolgsleute mit der Exkommunikation (d.h. dem Ausschluss aus der katholischen Kirche) und dem Bann. Die Waldenser werden verfolgt und gelten als Sekte wie auch andere religiöse Gruppen jener Zeit. Doch sie zeigen sich davon unbeeindruckt und predigen im Untergrund weiter. Sie teilen jetzt auch das Abendmahl aus. Die Rechtmäßigkeit ihres Handelns begründet sich ihrer Meinung nach darin, dass sie sich von Gott berufen und zu ihrem Wirken freigesprochen fühlen. Sie, liebe Leserinnen und Leser, müssen jetzt mit mir jene Zeit und Lyon samt der näheren Umgebung verlassen. Wir schreiten weiter in der Geschichte, hinein in die nächste Epoche. Wir wissen nun, dass der Name Waldenser auf den Begründer Waldes verweist.
Die „Armen“ (dieser Ausdruck bezieht sich auf die erste Seligpreisung im Lukasevangelium und im Matthäusevangelium) verbreiten sich von Lyon aus in alle Richtungen, bis nach Deutschland und Österreich. Vor allem in den Alpen, Richtung Osten, bei den Bauern und in Norditalien bei den abhängigen Lohnarbeitern finden sie großen Zulauf. Was wir heute wissen über die Menschen jener Zeit, lässt annehmen, dass nicht nur religiöse Interessen, die einen wahrhaften Glauben erlangen wollen, von Bedeutung sind. Es gibt auch gesellschaftliche Beweggründe für die einfachen Leute, sich den „Armen“ anzuschließen.

Die Lehre der ersten Waldenser
Uns interessiert noch, was die Waldenser diesen harten Druck von außen ertragen lässt und wie es innerhalb ihrer Reihen aussieht. Viele Rituale der katholischen Kirche wie Seelenmessen, Almosen für Tote, bischöfliche Ablässe und anderes mehr werden rundum abgelehnt, weil sie aus dem neutestamentlichen Glauben heraus nicht haltbar sind. Auch die Lehre vom Fegefeuer sowie die Marien- und Heiligenverehrung gelten den Waldensern nichts. Ihr Glaube orientiert sich eng an dem Neuen Testament, insbesondere an der Bergpredigt Jesu (im Matthäusevangelium, Kap. 5 bis 7). Umkehr zur Buße gegenüber Gott, Beachtung der Regeln Jesu, einfaches Leben, Achtung der Prediger und Predigerinnen (auch das ist ein Affront gegen die katholische Kirche, die ja nur Männer als Priester beauftragt), ehrliches und tugendhaftes Zusammenleben untereinander – das sind die Hauptpunkte ihrer Überzeugung und ihres Glaubenslebens, dass ist auch die Praxis und die konkrete Tat in ihrem alltäglichen Leben. Dazu kommt noch ein anderes: Sie sind zutiefst davon überzeugt, dass im göttlichen Gericht (am Ende der Weltzeit) ihr Glaube als Wahrheit standhalten wird, während das unglaubwürdige Leben und die falschen Lehren der Kleriker unter Gottes verdammendes Urteil fallen werden. Schließlich verbindet sich diese Überzeugung mit der Hoffnung, dass die Verhältnisse der Ungerechtigkeit in ihrer Zeit durch ihr vorbildliches Leben und ihr Engagement besser werden. Der Glaube ist der innere Halt für die Waldenser.
Man missbilligt die unbeschränkte Machtfülle des herrschenden Adels und Klerus ebenso wie deren verschwenderische Lebensweise. Im Wunsch nach persönlicher Freiheit von der Unterdrückung durch Steuern, Abhängigkeit und kirchlicher Moral sind sich viele einig – als Opfer weniger Mächtiger. Die Waldenser-Bewegung bedeutet nicht bloß Protest gegen alte Traditionen der Ungerechtigkeit, sondern auch Zustimmung und Verbindung gleichgesinnter Menschen, die in ihrer Zeit neue Lebensweisen als Alternativen anbieten, um das Heil zu erreichen und die Bergpredigt in die Tat umzusetzen. Ganz klar ist, dass unter den Waldensern selbst gleichwohl unterschiedliche Meinungen sind, wie die Befreiung von Adel und Klerus zu erreichen sei.

Erste Verfolgungen
Die Waldenser haben im 13. und 14. Jahrhundert kein leichtes Los. Die Kirche hat sie exkommuniziert und gebannt, so dass weltliche und geistliche Autoritäten willkürlich mit ihnen umspringen können. Immer wieder begegnen sie uns als verfolgte und misshandelte Minderheit. Zwang zur Abkehr von den ‚Armen‘ und zur Rückkehr in die katholische ‚Mutterkirche‘, harte Geld- und Körperstrafen bis hin zur Verbrennung oder einer anderen Todesstrafe – das sind die Stufen der Behandlung, die gefasste und beschuldigte Waldenser auf sich nehmen müssen: ein Martyrium! Trotzdem breiten sich die „Armen“ weiter aus: über Deutschland, Böhmen bis nach Ungarn und Polen, weiter auch in Richtung Süden.
Ihr äußerer Halt sind die „Barben“, die Prediger (Barba = okzitanisch für ‚Onkel‘). Die Barben haben eine mehr oder weniger institutionalisierte Ausbildung. Versteckt in den Cottischen Alpen westlich von Turin gelegen, ist die Barbenschule; untergebracht in Hütten der Bergbauern. Während der Winterzeit studieren die Prediger dort die Bibel, lernen viele Teile auswendig und bereiten sich unter Anleitung erfahrener Barben auf den späteren Predigtdienst vor. Sobald es im Jahreskreislauf möglich ist von der Witterung her, machen sie sich auf den Weg. Häufig treten sie als Händler auf und nutzen die Gelegenheit des Verkaufs ihrer Waren zur Verkündigung.

Anschluss an die Evangelischen in der Reformationszeit
Die nächste Station, auf der wir einen Halt machen und uns umschauen, ist die Reformationszeit. Sie bringt für die Waldenser entscheidende Veränderungen. Die Kritik von Huldreich Zwingli in der Schweiz und von Martin Luther in Deutschland erschüttert die römischkatholische Kirche. Die Reformatoren gewinnen viele Anhänger, die mit dem Gebaren der Papstkirche nicht mehr einverstanden sind und die Lehren von der Werkgerechtigkeit und vom Ablass ablehnen. In dieser Zeit sind ebenfalls die weltlichen Mächte im Begriff, sich von der katholischen Vorherrschaft und Bevormundung zu befreien. Wie sooft in der Geschichte, vermischen sich auch hier religiöse und politische Beweggründe und verursachen gravierende Umwälzungen. Vor allem durch den Schweizer Reformator Farel, französischer Herkunft, lernen die Waldenser die Anliegen der Evangelischen kennen und finden Gefallen an dieser Lehre. Auf einer großen Versammlung ihrer Gläubigen beschließen die Waldenser 1532 in Chanforan im Angrognatal, sich dem Lager der Evangelischen anzuschließen. Fortan bedeutet ihnen diese Verbindung gerade in Zeiten harter Unterdrückung und Verfolgungen Hilfe und Beistand. Jetzt bleibt ihr schweres Los im Umfeld des unnachgiebigen Katholizismus Norditaliens und Südfrankreichs nicht mehr unbekannt. In Europa gibt es von nun an evangelische Kräfte und Mächte, die genau registrieren, was mit den Waldensern geschieht.
In der Ablehnung vieler katholischer Lehren und Bräuche kennen die Waldenser den Evangelischen schnell beipflichten. Schwer fällt es hingegen, von der Lehre der guten Werke und besonders vom Wanderpredigertum Abschied zu nehmen; in Zukunft sollen die Pfarrer ständig in ihrer Ortskirchengemeinde sein. Die Versuche katholischer Fürsten und Kleriker halten an, die Waldenser aus ihren Gebieten zu vertreiben oder auszumerzen. Östlich von Avignon im Luberon-Gebirge fallen um 1545 Tausende von Waldensern dem Wüten ihrer Unterdrücker zum Opfer; sie werden in jener Region fast vollständig ausgerottet.
Erleichterung bringt den Waldensern in Frankreich und mit ihnen noch anderen Reformierten das Edikt von Nantes im Jahr 1598. Im Bereich Frankreichs wird den Waldensern eine beschränkte Duldung gewährt. Dennoch erleben die Waldenser unruhige Zeiten sowohl in Frankreich als auch im Gebiet Piemont-Savoyen; immer wieder einmal flackern Verfolgungswellen auf.
Auf unserem Gang durch die Geschichte, liebe Leserin und lieber Leser, kommen wir nun an eine ganz markante Etappe. Jahre härtester Belastungen liegen vor den Waldensern. Am Ende der kritischen Phase haben viele von ihnen die Heimat verlassen müssen, viele haben ihr Leben gelassen. – Was ist passiert?

Die Unterdrückungen nach 1685
Die politischen Verhältnisse gegen Ende des 17. Jahrhunderts verändern sich zuungunsten der Waldenser im Gebiet der Cottischen Alpen. Im französischen Reich kann Ludwig XIV allmählich seine Stellung gegenüber den Adligen festigen und versucht eine Vereinheitlichung der Verhältnisse in seinem Reich. „Ein König, ein Gesetz, ein Glaube“ – so sein Wahlspruch. Im Oktober 1685 setzt das neue Edikt von Fontainebleau dasjenige von Nantes (1598) außer Kraft. Soldaten kommen im Namen des Königs in die Häuser der Reformierten und Waldenser und zwingen sie, dem evangelischen Glauben abzuschwören. Die Soldaten dürfen nach Belieben mit den Opfern umspringen. Wer sich weigert, den katholischen Glauben anzuerkennen, wird gefoltert. Hunderttausende von Hugenotten fliehen. Auch die französischen Waldenser in den Alpentälern brechen auf, um im Ausland Schutz zu finden. Ebenso die Waldenser in Savoyen-Piemont 1686. Ein großer Strom von Flüchtlingen ergießt sich über die protestantischen Länder Europas. Es bedarf mühseliger Anstrengungen, Unterkunft und neue Lebensmöglichkeiten für die Glaubensflüchtlinge zu schaffen. Mancherorts werden die Heimatlosen gern aufgenommen: sie bringen neue Handwerke und verstärken die Einwohnerschaft.
Unter Führung des Pfarrers Henri Arnaud wagen im August 1689 etwa 900 Waldenser Männer nach einem Marsch über die Alpen, sich ihre Heimat in Piemont mit Waffengewalt zurückzuerobern. Das Unternehmen gelingt. Ihr Erfolg ist vielmehr die Folge des Allianz, Wechsels des Herzogs von Savoyen. Sie verteidigen sich erfolgreich gegen die Franzosen und die Soldaten des Herzogs von Savoyen. Heutzutage wird die „glorreiche Rückkehr“ in Jubiläumsjahren feierlich begangen, wie dies vor allem im Jahr 1989 der Fall war.
Aber lange hält dieser Friede nicht. Aufgrund eines Vertrages zwischen dem französischen König Ludwig XIV. und dem Savoyer Herrscherhaus aus 1696 werden im Juli 1698 alle französisch-geborenen Waldenser aus Piemont vertrieben. Zusammen mit etwa 3000 Glaubensgeschwistern verlassen auch die Waldensischen aus den Dörfern Mentoulles, Usseaux und Fenestrelle, die in Piemont Zuflucht gesucht hatten, Haus und Hof; auch die Vorfahren der Waldensberger, weil sie auch jetzt Gott mehr gehorchen wollen als den Menschen. Sie können nur mitnehmen, was sie tragen können auf dem beschwerlichen Fußmarsch über die Alpen. Und doch ist es vorgekommen, dass Frauen die schwere Bibel aus ihrem Gotteshaus mitgenommen und dafür eigenes Gepäck stehen gelassen haben, weil sie sagten: „Wir können auf alles verzichten, nur nicht auf Gottes Wort.“ (So beschreibt der vormalige Pfarrer in Waldensberg, August Grefe, den Aufbruch aus der Heimat der Waldensberger Vorfahren.) Wie schon 14 Jahre zuvor, also 1685, so auch jetzt, 1699, sind Verhandlungen und Vermittlungen nötig, damit die deutschen Landesherren bereitwillig eine große Zahl der Flüchtlinge aufnehmen und mit einer Existenzgrundlage versorgen. So entstehen „Waldenser Kolonien“ in Baden-Württemberg, Durlach, in Hessen-Darmstadt und anderen hessischen Territorien.
Damit gelangen wir an einen weiteren wichtigen Punkt. Mit ihm beginnt die Geschichte unseres Dorfes Waldensberg.

Waldensberg und seine Anfänge
Graf Ferdinand Maximilian von Ysenburg-Wächtersbach lässt die Flüchtlinge von Mentoulles, Usseaux und Fenestrelle (aus dem Chisone-Tal) auf der Spielberger Platte nahe dem Büdinger Wald ansiedeln. Ein holländischer Gesandter namens Peter Valkenier hatte erreicht, dass aufgrund eines Aufnahmevertrages den Flüchtlingen günstige Bedingungen eingeräumt werden. Dafür kann der Sohn des Grafen im Heer Wilhelm III. von Oranien eine Offiziersstelle antreten. Auch hier wird klar, dass es längst nicht nur um Glaubensgründe oder um edelmütige Toleranz seitens des Grafenhauses geht, sondern dass auch andere Interessen bei der Aufnahme von heimatlosen Evangelischen jener Zeit eine Rolle spielen.
Wie gestaltet sich nun der Anfang des Dorfes? Die Geschichte erzählt: Der Graf jagt gerade an einem der letzten Augusttage des Jahres 1699 in seinem Wald, als die Flüchtlinge die letzte Anhöhe zur Spielberger Platte nehmen. „Seht, da kommen meine Waldenser über den Berg“, sagt der Graf. Seit da also könnte der Name Waldensberg entstanden sein. Nicht ganz 400 Personen werden zunächst untergebracht: und zwar in den Dörfern Wolferborn, Wittgenborn, Leisenwald und Spielberg. Der Aufnahmevertrag sieht vor, dass jede Familie 25 Morgen Land bekommen soll. Auch werden den Ankommenden für die ersten zehn Jahre Steuererleichterungen und Befreiung vom Militärdienst zugesagt. Es überrascht nicht, dass diese Vergünstigungen bei den Bewohnern der Nachbargemeinden nicht nur wohlwollend zur Kenntnis genommen werden. Im ersten Winter 1699/1700 versterben wohl aufgrund der Strapazen der durchlittenen Flucht immerhin 23 Personen; so steht es im ersten noch erhaltenen Kirchenbuch. Die Lebensbedingungen sind sehr karg, das rauhe Klima der Vogelsberghöhen setzt Manchem zu. So verlassen im Juni 1700 mehr als 200 Personen Waldensberg und siedeln sich in Nordhausen bei Heilbronn an.
Anfänglich ist der Vertrag mit dem Grafenhaus noch nicht erfüllt. Erst nach und nach erhalten die Neuansiedler die ihnen versprochenen Flächen. Ohne die Unterstützung des Grafenhauses und der Nachbargemeinden kann das brachliegende Land nicht bestellt werden: Neben den besonderen Kenntnissen der hiesigen Bewirtschaftung fehlt es genauso an Geräten und Zugvieh.
Die Waldenser wohnen in notdürftig erstellten Baracken, die nach dem ersten Winter aufgestellt werden. Nach acht Jahren stehen dann etliche Häuser (It. Quellenangaben ca. 36).
Große Schwierigkeiten bereitet die Wasserversorgung; das Wasser muss von einer bei Leisenwald liegenden Quelle hergeschafft werden. Gemäß dem Aufnahmevertrag sind die Waldensberger in ihren dörflichen und kirchlichen Angelegenheiten weitgehend selbständig. Sie bestimmen ihren Bürgermeister und ihre Ältesten, die die Kirchengemeinde leiten. Vermutlich sind dieselben Personen in leitenden Positionen, die auch in ihrer früheren Heimat ein wichtiges Amt begleitet haben; die Stellung der Familie gibt dafür den Ausschlag. Bei der Besetzung der Pfarrstelle wirkt allerdings das gräfliche Haus mit.
Die fleißige Bewirtschaftung des Landes – das gräfliche Haus hat auch ein Gespann Zugvieh bereitgestellt – trägt im wahren Wortsinn Früchte. Die Familien, die sich genossenschaftlich zusammengeschlossen haben, erreichen immerhin das Existenzminimum. Bei den ersten Ansiedlern sind auch wenige Handwerker hugenottischer Herkunft. Sie lehren die anderen das Wollkämmen und Flachshecheln. Als Wanderarbeiter ziehen nun einige bis in die Pfalz und verdienen zusätzlich zu den Erträgen aus der Landwirtschaft. Günstig wirkt sich im Bereich der Bewirtschaftung aus, dass die Einführung des Kartoffelanbaus, der den Waldensern zugeschrieben wird, die Versorgungslage in Waldensberg weiter verbessert.
Die Waldensberger sind noch auf Unterstützung von außen angewiesen. Schule, Kirche und Pfarrhaus gibt es anfangs noch nicht. Die Pfarrer der ersten Zeit begeben sich auf Kollektenreisen (sogar bis nach England), um Geld für den Bau dieser für die Gemeinde wichtigen Gebäude zu erbitten. Nach den ersten Jahren errichtet man in der Mitte des Dorfes eine Baracke als Bethaus. Darin werden Gottesdienste gehalten, aber auch die Kinder unterrichtet. Es gibt ein Pfarrhaus (an der gleichen Stelle wie das heutige Pfarrhaus). Der zweite Pfarrer der Waldensberger, Jean Roman, hat es sich als eigenes Haus gebaut. Nach Romans Tod (1715) baut die Gemeinde ein steinernes Pfarrhaus im Jahre 1716 (auf dem Platz der heutigen Kirche). Romans Haus wird zum Schulhaus eingerichtet. 1733 verlautet die Absicht, eine richtige Kirche zu bauen. Weil das alte Haus von Roman mittlerweile innen und auf dem Dach schon baufällig ist, beschließt man, das steinerne Pfarrhaus zur Kirche umzubauen und an der Stelle von Romans Haus ein neues Pfarrhaus zu errichten. Am Mittwoch, den 14. Oktober 1739, wird die Kirche mit einem Gottesdienst von Pfarrer Plan eingeweiht. In demselben Gottesdienst wird noch eine Trauung vollzogen; auch der Graf ist anwesend; er hat den Kirchenbau mitgefordert.

Im Ghetto
Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die Situation der Waldenser in der piemontischen Heimat, denn dort sind immer noch Evangelische. Die dort Geborenen konnten 1698 bleiben, wurden aber von Edikten bedrängt. Jetzt leben sie in einer Art Ghetto, versuchen sich neu zu organisieren und das Glaubenserbe der Vorfahren zu erhalten. Im katholischen Piemont werden die Waldenser nicht nur als Angehörige einer anderen Religion betrachtet, sondern auch als Menschen einer anderen Kultur angesehen und behandelt, die es auszuschalten gilt. Der Kampf der katholischen Kirche zusammen mit der Regierung gegen die Minderheit der Waldenserkirche geht unvermindert weiter.
Liebe Leserinnen und Leser, wir nähern uns immer mehr der jüngeren Geschichte und der Gegenwart. Wir wollen mit großen Schritten weitergehen.

Die Assimilation
Die Waldensberger leben für lange Zeit in recht einfachen, um nicht zu sagen ärmlichen Verhältnissen. Pfarrer Robert (von 1742 – 1752 in Waldensberg) muss seine Ziegen, Gänse, Enten und Hühner in der eigenen Küche halten, weil kein Geld da ist für einen Stall. Auch wird immer noch im Pfarrhaus der Schulunterricht abgehalten; für ein eigenes Schulgebäude reicht es nicht. Die ehemaligen Flüchtlinge sind sesshaft geworden und passen sich an ihre Umgebung an. Aus den Nachbardörfern heiraten Frauen oder Männer in die Gemeinde der „Welschen“ (so werden die Waldensberger benannt) ein. So nehmen die Waldensberger viel von ihrer deutschen Umgebung auf und an, nicht zuletzt die Sprache. Der letzte französische Pfarrer, E.S. Mulot, wirkt bis 1800 in der Gemeinde. Ihm folgt als erster deutscher Pfarrer L.M.Reutzel. 1818 schließlich führt die Gemeinde unter Pfarrer Colonius offiziell die deutsche Sprache in Schule und Kirche ein.

Aufklarung – und erste Rechte
Während dieser Zeit verändert sich viel in Europa. Die Ideen der Aufklärung setzen sich durch und bewirken, dass der Einfluss von Kirche und Religion auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zunächst hinterfragt, später sogar zurückgedrängt werden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entlädt sich ein großer Teil dieses Gedankengutes in der Französischen Revolution. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – unter diesen Worten muss die monarchische und kirchliche Vormacht ihre erste große Niederlage hinnehmen. Die Ideen der Aufklärung greifen im nächsten Jahrhundert verstärkt um sich; es kommt nach der napoleonischen Ara in fast sämtlichen Staaten Europas zum Durchbruch der sogenannten bürgerlichen Rechte und Freiheiten. Hand in Hand mit dieser politischen Entwicklung werden ebenso die wirtschaftlichen Bedingungen umstrukturiert. Die Industrialisierung setzt ein.
1848 erlangen die Waldenser im Königtum Sardinien (inzwischen waren Herzöge von Piemont Könige geworden) die Bürgerrechte. Die Waldenser in den Cottischen Alpen geben allmählich das Französische auf, ihre Sprache wird das Italienische sowohl in den Schulen als auch in der Kirche. Von da an werden auch Evangelisationsbemühungen der Waldenser im katholischen Italien möglich. In diesem Jahrhundert erlebt das Bildungswesen der italienischen Waldenser einen enormen Aufschwung. Ein ehemaliger englischer General, Charles Beckwith, wird zum Gönner der Waldensergemeinden. Er schafft es, in die Waldensertäler viele kleine Schulen zu bringen. Der Bildungsstand und die gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten der Waldenser nehmen zu.

Das 19. Jahrhundert in Waldensberg
Im ländlichen Raum des Vogelsbergs haben die Waldensberger inzwischen Fuß gefasst und sich in ihre Umgebung assimiliert. Ihre wirtschaftliche Situation hat sich hingegen eher verschlechtert. Das liegt daran, dass die kleinen Betriebe, die Strumpf- und Tucherzeugung betrieben, aufgelöst wurden, dass die landwirtschaftlichen Betriebe nicht genug abwarfen und dass Anfang des 19. Jahrhunderts allgemein schlimme Teuerungen die geringen Einkommen belasteten.
Um sein Existenzminimum zu sichern, bleibt dem Waldensberger Pfarrer Seyler nichts anderes übrig, als dass er die Kirchengemeinde Breitenborn im Jahre 1857 als Filialgemeinde übernimmt und damit sein knappes Entgelt ein wenig aufbessert. Pfarrer J.A. Heilmann, der von 1884 bis 1887 in Waldensberg Gemeindepfarrer ist und später im Jahr 1903 eine Chronik der Waldensberger Gemeinde veröffentlicht, schreibt über den o.g. Pfarrer Seyler und seine dürftige Lebenssituation:“ Der Pfarrer freute sich königlich, wenn ihm in einem benachbarten Pfarrhaus eine Tasse guten Kaffees vorgesetzt wurde, und er sich seine Pfeife mit gutem Tabak stopfen konnte….“
Waldensberg und sein Pfarrhaus waren geradezu sprichwörtlich geworden als Bilder der Armut. dass übrigens unter Pfarrer Seyler es möglich wird, dass der Waldensberger Pfarrer Breitenborn mitversorgen kann, liegt an folgendem: 1818 wird im Fürstentum Hanau und dem Gebiet der Ysenburger die Union durchgeführt, das heißt die evangelischen und lutherischen Kirchengemeinden vereinigen sich zu einer Kirche. Nun ist es für einen Pfarrer in Waldensberg denkbar, gleichzeitig zu seinem Dienst in der Waldensergemeinde noch in einer ehemaligen reformierten Kirchengemeinde tätig zu sein. Unter Pfarrer A.W. Beyer (1874-1882) und unter Pfarrer J.A. Heilmann (1884 -1887) besteht in Waldensberg ein reges kirchliches Leben.
Ersterer hält Bibelstunden für zwei Gemeindegruppen, letzterer gründet einen Psalmen singenden Kirchenchor, an dem sich viele Gemeindemitglieder beteiligen. Auch von einem gestiegenen Gottesdienstbesuch berichtet seine Chronik. Seit 1805 steht ein neues Schulhaus; aber für gelegentlich über 70 zu unterrichtende Kinder sind auch seine Räumlichkeiten nicht ausreichend.

Waldenser im 20. Jahrhundert
Wir gelangen in unser Jahrhundert. Unser geschichtlicher Spaziergang nähert sich dem Zeitpunkt, an dem wir uns heute befinden. Die Zeit nationalistischer Staatenbildung ist mit dem 19. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen, sondern dauert fort im 20. Jahrhundert. Zu vielen unerwarteten Entwicklungen der Technik, der Chemie, der Medizin und anderer Naturwissenschaften kommen die Opfer und das ungeheure Leid zweier Weltkriege.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts kommt es zu einer Auswanderung vieler Waldenser, die von Italien weg nach Uruguay ziehen. Seit 1929 (unter Mussolini) haben die italienischen Waldenser den rechtlichen Status eines „zugelassenen Kultus“, wie es formuliert wird. Immer noch ist die katholische Religion auch Staatsreligion. Erst 1984 nach zähen Verhandlungen mit dem Staat gelingt es, die Evangelischen als offiziell anerkannte Religion zuzulassen; jetzt müssen die Kinder der Waldenser nicht mehr pflichtgemäß den katholischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen besuchen. In Italien gibt es heutzutage über 20.000 Waldenser. Sie sind mit der methodistischen Kirche zur „Evangelischen Kirche in Italien“ zusammengeschlossen. In Italien sind die Waldenser fast eine Art Avantgarde: die Vordenker gesellschaftlicher und kirchlicher Entwicklungen und Probleme; deutlich wird das in Prali am Beispiel des Ökumenischen Begegnungszentrums Agape (das griechische Wort für Liebe), wo Zusammenkünfte für Menschen verschiedenster Herkunft abgehalten werden.

Die Tragödie vom 2. April 1945 und der Wiederaufbau
Wir betrachten noch die Jahrzehnte dieses Jahrhunderts in Waldensberg. Erst kurz vor der Jahrhundertwende gibt es Abhilfe für das lange Zeit große Problem der Wasserversorgung: Ein Brunnen zwischen dem Pfarrhaus und Kirche bringt gutes und genügend Wasser. Seit 1921 ist endlich eine Wasserleitung in der Gemeinde vorhanden. Die beiden Weltkriege fordern auch in Waldensberg ihre Opfer. Am schlimmsten ist, was sich Anfang April 1945, also kurz vor Kriegsende in Waldensberg ereignet: Auf dem Rückzug befindliche SS-Truppen werden von den vorrückenden alliierten Truppen der Amerikaner aufgerieben. Auf der Höhe von Waldensberg und Leisenwald kommt es zu schweren Kämpfen. Amerikanische und deutsche Soldaten sterben. Auch acht Zivilpersonen kommen ums Leben. Waldensberg wird zu gut zwei Drittel vernichtet, auch die Kirche. Den Schrecken jener Tage nehmen die Überlebenden mit: Später reden sie oft noch davon oder erinnern sich daran in entsetzlichen Alpträumen. Jahre des zähen Ringens um den Wiederaufbau folgen. Für die meisten ist das Leid nur zu bewältigen, weil der christliche Glaube ihnen in solch bedrängender Erfahrung neue Zuversicht und Hoffnung gibt. Wieder gilt der Waldenser Satz: „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“
Zur 250-Jahr-Feier im August 1949 wird die wieder aufgebaute Waldensberger Kirche eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben; der Patron der Kirchengemeinde, Otto Friedrich Fürst zu Ysenburg-Büdingen, hat den Bau mit großzügiger Hilfe unterstützt. In etwa auf den Grundmauern der alten Kirche steht nun die neue. Es ist ein schlichter und dennoch schmucker Kirchenbau. Zwei Bibelsätze an der Altarwand verweisen auf die Mitte des Glaubens: „Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2.Kor.12,9). Später wird ebenfalls das Pfarrhaus wieder aufgebaut, 1955 ist es einzugsbereit. Pfarrer August Grefe (1955 – 1983 in Waldensberg) bemüht sich sehr um den Wiederaufbau und eine Erneuerung des Gemeindelebens. Die Waldensberger Kirchengemeinde knüpft Kontakte zur Deutschen Waldenservereinigung und dadurch zu Kirchengemeinden, die wie sie auch in der Tradition der Waldensergemeinden stehen. Fahrten nach Italien in die Waldensertäler lassen ein widererstarktes Bewusstsein dafür wachsen, woher die Vorfahren gekommen sind und welcher Glaube durch all die Zeiten hindurch dieser Gemeinschaft Halt und Bestand gewährt hat.

Die Gegenwart
Seit 20 Jahren gibt es wieder einen Kirchenchor, genauer gesagt einen kirchlichen Frauenchor. Mittlerweile sind es über dreißig Frauen, die neben der wöchentlichen Chorprobe auch bei besonderen Gelegenheiten und vor allem bei den Beerdigungen auf unserem Friedhof singen. Für die Stunden des Frauenchores sowie für alle anderen Gemeindeveranstaltungen (außer den Gottesdiensten) steht der Gemeinde seit etwa zwanzig Jahren das „Jugendheim“, das in Zukunft „August-Grefe-Haus“ heißen soll, zur Verfügung.
Dieses Gemeindehaus der Kirchengemeinde Waldensberg ist überwiegend in vorbildlicher Eigenleistung entstanden.
In den letzten Jahren sucht die Kirchengemeinde eine intensivere Zusammenarbeit mit den Vereinen am Ort. Ergebnis der erfreulichen Kooperation ist im Frühjahr 1985 eine Dorfwoche. Acht Tage voller Veranstaltungen, Gespräche und fröhlichen Zusammenseins bei Musik halten die Dorfgemeinschaft fest zusammen.
Die Kirche wird in mehreren Etappen renoviert. Zuerst wird eine Innenrenovierung mit einem neuen Innenanstrich durchgeführt. Später wird die Heizung ausgewechselt, Bankheizstrahler werden installiert. Dadurch, dass die Landeskirche die gesamten Kosten übernimmt, wie auch schon bei den vorherigen Renovierungsarbeiten, wird es 1989 möglich, der Kirche wieder ein ansprechendes Äußeres zu geben. Der Außenanstrich war langst überfällig. Rechtzeitig zum 250. Geburtstag konnten alle diese Renovierungsmaßnahmen abgeschlossen werden.
Nicht nur das Gemeindeleben ist durch die verschiedenen Gemeindegruppen, Veranstaltungen und gezielte Kirchenvorstandsarbeit aktiviert. Auch die Verbundenheit mit den Waldensern heute und den Nachfahren der Vorigen in Italien ist fester ins Bewusstsein gekommen. Fahrten nach Torre Pellice und in die Täler regen zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem waldensischen Glauben an. Eine Partnerschaft oder anders ausgedruckt: eine geschwisterliche Beziehung zur Kirchengemeinde in Bobbio Pellice beabsichtigt Kontakte von Familie zu Familie. Diese Partnerschaft hat gleichfalls zum Ziel, dass beide Kirchengemeinden sich auf dem ungewissen Weg in die Zukunft der evangelischen Kirche und der Christenheit insgesamt begleiten und unterstützen.
Wie viele andere im ländlichen Raum müssen auch die Waldensberger zum größten Teil außerhalb unseres Ortes ihren Arbeitsplatz aufsuchen. Das es dennoch nicht zur Landflucht kommt – „wie anderswo! “ – und dass viele Waldensberger weite Strecken zur Ausübung ihres Berufes in Kauf nehmen, hängt wohl daran, dass es trotz aller Verschiedenheiten ein gutes Miteinander unter den Menschen am Ort gibt.

Das Motto “LUX LUCET IN TENEBRIS“ – ein Wort auch für die Zukunft
Ich sagte eben schon, wir Christen – nicht nur hier in Waldensberg – befinden uns auf einem ungewissen Weg in die Zukunft: Werden die Konflikte zwischen den Menschen in Zukunft ohne Gewaltmittel und ohne Gefahr eines die Welt vernichtenden atomaren Infernos gelöst werden können? Werden die Möglichkeiten vieler naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht missbraucht und zugunsten eines menschenwürdigen Zusammenlebens eingesetzt? Werden wir in der Lage sein, im Umgang mit der Natur nicht wirtschaftliche Gesichtspunkte voranzustellen, sondern den Erhalt der Schöpfung zu garantieren, so dass auch zukünftige Generationen die Erde bewohnen können? Werden die Christen mit tatkräftigem und bekennendem Glauben einer totalen Verweltlichung der Lebenseinstellung begegnen und anstatt dem grenzenlosen Individualismus und Egoismus eine Kultur des Vertrauens und der Versehnung entwickeln – aus der Kraft von Bibellesen und Gebet? Das sind die Herausforderungen, mit denen wir zurechtkommen und in denen wir uns bewahren müssen. Die Verheißung des Waldenser-Wortes gilt immer noch: „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“ Damit können wir in die Zukunft hinein leben und darauf vertrauen, dass Gott in Jesus Christus uns zur Seite steht.
Wir sind am Ende des Spaziergangs durch die Geschichte angelangt.

Hansjörg Haag, Pfarrer (Bericht aus Festschrift 300 Jahre Waldensberg)